Der Fall "Tshirt-Atelier vs. German Parcel aus 2001"


Ein Drama in drei Akten

(von Henning Höllein)

Epilog:

Ich meldete im April 2001 mein Notebook zur Reparatur bei der Firma IPC Archteck (IA) an. Abgeholt wurde es kurz drauf von German Parcel (GP). Mitte Mai hatte ich mein Gerät noch nicht zurück erhalten und fragte telefonisch bei IA nach. Dort hieß es, man habe das Notebook schon vor ca. drei Wochen wieder ausgeliefert. Ich rief also bei GP an und fragte dort nach. Man teilte mir mit, dass man das so nicht feststellen könne. Ich solle doch über IA einen Nachforschungsantrag stellen. Also wurde ein neues Telefonat mit IA fällig und man sagte mir die Nachforschung zu.
Ergebnis war, dass GP das Notebook am 27.04.01 ausgeliefert hatte, und zwar an einen Herrn W. (laut Fax) bei der Firma S. (laut telefonischer Auskunft).
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Da ich das Notebook nun so schnell wie möglich wieder haben wollte, begab ich mich zur Fa. S. (ca. 200m von meinem Wohnhaus entfernt, auf der anderen Straßenseite in einer Stichstraße im Innenhof!) und fragte nach.
Antwort: Wir nehmen keine fremden Pakete an, einen Herrn W. kennen wir nicht.
Tipp: Gehen Sie mal zu den anderen Firmen hier, die bekommen öfter viele Pakete.

Tatsächlich führte mich meine Suche auch zur Fa. Wo. (Auto-Hifi und Mobilfunk) und ich fragte nach einem falsch abgegebenen Paket. Der anwesende Ladeninhaber wusste von nichts und fragte den neben ihm stehenden Mitarbeiter, der sofort den Kopf schüttelte.
Wie es der Zufall aber wollte, fiel der Name des betreffenden Mitarbeiters, nämlich W. Ich konfrontierte ihn mit seiner Unterschrift und man versprach mir, man würde im Lager nochmal genau nachsehen.
Kurze Zeit später händigte man mir mein Notebook gegen Quittung aus.
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1. Akt - Briefwechsel mit IA und GP

Ich: Nach einigen Telefonaten mit den betreffenden Kundendiensten schrieb ich am 28.05.01 zunächst einen Brief an IA mit der Bitte um Schadensersatz, bzw. Ersatz der entstandenen Kosten (Telefon, Fahrtkosten, Porto, Auslagen für die eigenen Ermittlungen).
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IA: Die Antwort kam am 05.06.01 von zuständigen Syndikusanwalt (nicht vom Kundendienst) und war so schön verklausuliert, dass kein normaler Kunde was damit anfangen kann (...mangels vertraglicher Anspruchsgrundlage...unsubstantierten diesbezüglichen Sachvortrags...der Zurückweisung anheim fallen muss...nicht passivlegitimiert...).
Fazit: Gibt kein Geld.
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Ich: Also wandte ich mich am 06.06.01 an GP mit der gleichen Forderung und Bitte um Ersatz der entstandenen Kosten.
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Keine Antwort von GP, warum auch, was ist schon Kundendienst?!

Ich: Nachhaken am 22.06.01 und ich setze eine Frist bis zum 06.07.01.
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GP: Man antwortet doch noch und erklärt, dass Schäden durch verspätete Zustellung nicht versichert sind und außerdem nur der Versender (also IP) reklamieren kann, ich aber nicht. Trotzdem entschuldigt man sich für die Unannehmlichkeiten bei der Falschzustellung.
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Hierzu mal eine kleine Anmerkung von mir:
1. Das Paket ist nicht falsch, sondern gar nicht zugestellt worden. Ich habe es mir schließlich selbst bei einem völlig Fremden abgeholt.
2. Ob das nun versichert ist oder nicht, interessiert mich als Betroffenen nicht. Dann müssen die den Schaden halt aus eigener Tasche zahlen.

2. Akt - mein Anwalt greift ein

Der Anwalt und ich kommen überein, beide Unternehmen parallel anzuschreiben, da beide die Verantwortung dem jeweils anderen zuschieben.

Mein Anwalt: Am 12.07.01 ergeht ein Brief an IA: "Bitte ersetzen Sie meinem Mandanten den entstandenen Schaden oder treten Sie zumindest die vertraglichen Ansprüche gegenüber GP ab."

Anmerkung: Das letztere hat den Sinn, dass ich mich selbst an GP wenden kann, ohne dass man mir sagt, dazu sei nur der Versender in der Lage. Original

IA: "Ihr Schreiben ist nicht eindeutig. Wollen Sie nun Geld, oder Ansprüche oder was? Ich verstehe Sie nicht. Ja was wollen Sie denn nun...?"
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Mein Anwalt (nun etwas deutlicher): "Offensichtlich wollen Sie mich missverstehen. Ist doch ganz einfach: Mein Mandant hat genug von den wechselseitigen Schuldzuweisungen zwischen IA und GP. Entweder Sie treten die Ansprüche ab, oder wir verklagen Sie und GP gemeinsam als Gesamtschuldner."
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IA (nun sichtlich beleidigt): "Nee, also so ein rüder Ton unter Kollegen, ... also diese und jene Formulierung hat mir ja gar nicht gefallen. Wollen Sie uns drohen oder gar nötigen? Allerdings sind wir grundsätzlich zu einer Abtretung der Ansprüche bereit. Dann dürfen Sie aber im nächsten Brief nicht so böse sein."
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Mein Anwalt: "Schön, bitte füllen Sie die beiliegende Abtretungserklärung aus."
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IA: "Okay, hier ist die Erklärung. Damit ist der Fall für uns vom Tisch."
Die Erklärung wurde mit Schreiben vom 24.08.01 übersandt.
Original 1   Original 2

Mein Anwalt: Am 19.07.01 ergeht ein Brief an GP: "Bitte ersetzen Sie meinem Mandanten den entstandenen Schaden bis zum 10.08.01. Die Falschzustellung haben Sie ja bereits eingeräumt. Wenn Sie nicht zahlen, rate ich meinem Mandanten, Sie und IA als Gesamtschuldner zu verklagen."
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GP: Man kann sich von dieser Seite nicht zu einer Antwort durchringen.

Mein Anwalt: Weiterer Brief am 13.09.01: "Wenn wir uns nicht vor Gericht wiedersehen sollen, beantworten Sie dieses Schreiben und zahlen Sie bis zum 28.09.01. Wir haben hier übrigens eine Abtretungserklärung von IA"
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GP (genau die Frist einhaltend): "Wir sind die Rechtsabteilung von GP und bewerten den Sachverhalt so: Wir haften nicht für Verspätungen. Sie kriegen also kein Geld von uns."
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Mein Anwalt: "Sie bewerten die Situation falsch. Sie haben das Paket nicht zugestellt, denn es hat den bestimmungsmäßigen Empfänger nicht erreicht. Sie haben Ihren Liefervertrag also überhaupt nicht erfüllt. Daher haften Sie natürlich auch für den entstandenen Schaden. Mein Mandant will aber nicht den kompletten Schaden (Verlust des Notebooks) ersetzt bekommen, sondern nur seine Auslagen und Kosten. Mein Mandant war nicht zu seinen Nachforschungen verpflichtet und hat GP einen Haufen Geld gespart."
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GP stellt den weiteren Schriftverkehr ein.

3. Akt - Coming Out, oder: Der Gang an die Öffentlichkeit

Das Kostenrisiko ist mir zu groß um zu klagen. GP hat eine eigene Rechtsabteilung und kann ein Verfahren lange Zeit hinziehen. In der Zwischenzeit übersteigen meine Kosten mit ziemlicher Sicherheit den geforderten Betrag von 710DM. Ich klage also zunächst nicht, sondern wende mich im Dezember an Vocatus.de. Dort trage ich meine Erlebnisse mit GP in Kurzform ein.
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Vocatus.de sammelt Lob und Kritik von Kunden und leitet diese gebündelt an die Unternehmen weiter.
Daraufhin betritt Herr S. die Bühne. Er ist Mitarbeiter in der Abteilung Qualitätssicherung / Verlustvorbeugung bei GP. Es kommt zum Austausch einiger Emails zwischen ihm und mir.

S. am 21.01.02: "Ich bedaure die Vorfälle. Es handelt sich offenbar um eine ´undokumentierte Alternativzustellung´. Was Sie schildern entspricht überhaupt nicht unserem Verständnis von Kundendienst. Es muss sich um ein Kette von Missverständnissen handeln. Bitte sagen Sie mir genau worum es geht, damit ich Nachforschungen anstellen kann."
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Ich am gleichen Tag: "Schön, dass sich jemand um mich kümmert. Hier sind die für Sie wichtigen Daten. Sie können mich gerne bei weiteren Fragen anrufen."
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S. am 28.01.02: "Ich habe haraus gefunden, das es tatsächlich eine Kette unglücklicher Ereignisse war:
1. IA hat zunächst eine falsche Adresse angegeben.
2. Vermutlich waren Sie als Empfänger im Adressfeld gar nicht eingetragen, daher wurde das Paket bei der Fa. S. abegegeben.
3. Da es sich bei dem Paket um ein Notebook handelte, hat der Fahrer es bei einer Computerfirma (S.) abgegeben.
4. Die ganze Sache ist falsch gelaufen, aber sicherlich nachvollziehbar und ohne böse Absicht.
5. Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten und lassen ihnen eine ´Aufmerksamkeit unseres Hauses´ zukommen.

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Ich verschickte daraufhin am 30.01.02 ein Fax: "Ihre Ermittlungen haben leider falsche Ergebnisse gebracht:
1. IA hat keinesfalls die falsche Adresse eingetragen. Alle Daten waren korrekt.
2. Die Fa. S. ist zwar mit Computern befasst, hat das Paket aber nicht angenommen.
3. Ihr Fahrer hat das Paket einfach bei einer anderen Firma abgegeben und die Fa. S. als Empfänger eingetragen."

Im weiteren Verlauf des Faxes erkläre ich nochmals die Zufälle, die zum Auffinden des Notebooks geführt haben. Ich mache deutlich, warum ich welche Kosten hatte und wie ich zu der Summe komme, die ich erstattet haben möchte.
"Ich freue mich über eine Aufmerksamkeit des Hauses von GP, hoffe aber gleichzeitig auf eine unbürokratische Regelung meiner Forderung. Ich sitze immer noch auf dem Schaden, den Ihr Fahrer verursacht hat. Danke für Ihre Mühen."
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Am 14.02.02 fragte ich per Email nach: "Leider haben Sie noch nicht auf mein Fax reagiert. Hoffentlich sind Sie noch an einer Regelung der Angelegenheit interessiert."
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S. mit Email vom 04.03.02: "Ich habe Ihr Fax erhalten und sende es mit dem Vermerk ´dringend´ an unsere Rechtsabteilung. Die werden das Schreiben morgen bekommen."
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Fax von GP (Rechtsabteilung): "Sie wollen Geld wegen einer verspäteten Zustellung? Wir haften aber laut §425 HGB nur bei Verlust oder Beschädigung. Sie haben einen preisgünstigen Versandt bestellt, also haften wir auch nicht. Sie bekommen kein Geld."
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An dieser Stelle kann ich mir eine weitere Anmerkung nicht verkneifen:
Ich habe überhaupt keine Versandtart bestellt, das war IA. Ausserdem war das Paket verloren und GP ist daher (meiner Meinung nach) haftbar. Ich habe es mit eigenen Anstrengungen wieder gefunden.
Spreche ich eigentlich chinesisch? Habe ich die Angelegenheit zu undeutlich erklärt? Oder will man mich einfach nicht verstehen?
Ich bin jedenfalls gespannt, ob das Theaterstück vielleicht noch einen vierten Akt bekommt, z.B. mit dem Titel "Aussöhnung mit GP".


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